Lügenbaron

Baron von Münchhausen fliegt auf einer Kanonenkugel

Der Baron von Münchhausen dürfte vielen ein Begriff sein. Ein Geschichtenerzähler, der seine zweifelhaften Erlebnisse gerne mit einigen Lügen ausschmückte um sie spannender zu gestalten. Auch taucht sein Name in der Medizin bei dem umgangssprachlich sogenannten Münchhausen-Syndrom auf (artifizielle Störung). Hierbei erfinden Patienten Krankheiten und Beschwerden oder rufen sie gar selbst hervor. Ziel dabei ist es Aufmerksamkeit durch Ärzte und Pflegepersonal zu bekommen. Auf den ersten Blick handelt es sich bei diesen Patienten also um Lügner, Geschichtenerzähler die gerne im Mittelpunkt stehen. Traurige Gestalten, die sich massiv selbst schädigen nur damit sich jemand um sie kümmert.

Genauso eine traurige Gestalt bin ich bzw. war ich. Anfangs ging es hierbei lediglich darum den Händen meines Großvaters zu entgehen. Denn wer zu Hause durch die besorgte Mutter betreut wird oder im Krankenhaus liegt, der kann nicht missbraucht werden. Es hatte also anfangs einen eher praktischen Aspekt inne. Doch später, auch als wir nicht mehr in der Nähe meines Großvaters lebten, konnte ich nicht damit aufhören. Es hatte eine eigenartige Eigendynamik bekommen. Ich war regelrecht süchtig nach dieser Form von Zuwendung und dabei war es mir vollkommen egal, was ich mir dafür antun (lassen) musste um sie zu bekommen. So wurde ich in meinem noch recht jungen Leben über 20 Mal operiert. Mehr als die Hälfte der operativen Eingriffe waren vollkommen umsonst. Und wir reden hier nicht nur von kleinen Operationen. Ich habe mir Knochen zersägen lassen, den Bauch aufschneiden lassen und und und. Jedes Mittel war mir recht.

Erst als Jahre später der Missbrauch in meine Erinnerung zurückkehrte und ich mir meine psychischen Probleme eingestand, konnte ich aufhören Körperliche zu erfinden. Dies ist eine Schuld die ich auf mich genommen habe, mit der ich bis heute nicht leben kann. Ich verdränge es. Thematisiere es auch vor mir nicht denn dann könnte ich nicht mehr in den Spiegel sehen. Ich sehe die Not des kleinen Kindes von damals durchaus. Doch ich verachte mich für diesen Weg, auch wenn die Handlungen in einer Art dissoziativen Zustand stattfanden. Ein sehr großer Schritt für mich es hier, wenn auch anonym, öffentlich zu machen. Ich empfinde große Scham für das was ich getan habe, auch wenn es sich hierbei um eine ernstzunehmende Erkrankung handelt.

Ein Tyrann

Mein Großvater war ein selbstherrlicher und kaltherziger Mann. Er empfand Spaß daran andere für seine Interessen und Belange rum zu kommandieren. Er war es gewohnt den Ton anzugeben. So ist es letztlich auch nicht verwunderlich, dass es bei den Übergriffen auf mich gar nicht nur um sexuell motivierte Taten ging sondern viel mehr um das Ausüben und Demonstrieren seiner Macht.

Im Laufe der Jahre wurde mein Großvater krank: Blasenkrebs. Beinahe ein Jahr verbrachte er in Krankenhaus und Reha. Als er zurück kam, war er verbitterter als je zuvor. Der Charakter Der Übergriffe änderte sich schlagartig. Ab diesem Zeitpunkt standen Gewalt und vorallem Erniedrigung im Fokus. Doch kranke Köpfe sind kreativ. Man kann auch vergewaltigen wenn der eigene Körper nicht mehr zu einer Erektion in der Lage ist. Man kann schlagen ohne Spuren zu hinterlassen. Und man kann über Jahre ein Kind zerstören und unter totaler Kontrolle haben ohne das es jemand merkt.

In unserem Garten stand eine Schaukel. Ein dunkelgrünes Metallgestänge, mit Ketten und einem schwarzen Kunststoffsitz. Ich konnte sie sehen wenn ich aus dem Kellerfenster sah. Der Keller, in dem nahezu lautlos die Übergriffe geschahen. Gut abgeschirmt vom restlichen Wohnhaus. Und so sah ich währenddessen aus dem Fenster und konnte meiner Seele beim Schaukeln zusehen. Immer höher. Der Wind verwuschelte meine Haare und ich flog regelrecht durch den blauen Himmel.

Einige Jahre später riss ein Kettenglied beim Schaukeln und ich fiel unsanft auf den Boden. Ich brach zusammen, konnte nicht aufhören zu weinen. Niemand verstand warum. Es war doch nur eine Schaukel.

Super-GAU

Eine Kinder- und Jugendpsychiaterin sagte einmal zu mir „Kinder haben kein Recht auf perfekte Eltern. Aber sie haben ein Recht auf Eltern die ihr Bestes geben.“

Und so versuche ich genau das, auch wenn es mich unsagbar viel Kraft kostet. Heute war ich mit meiner Tochter zwei Stunden in einem Indoorspielplatz. Natürlich direkt morgens damit nicht so viel los ist. Und da wo andere Eltern zusammen mit ihren Kindern Spaß haben und vergnügt sind, achte ich nur darauf weiter regelmäßig zu atmen. Die Lautstärke, viele Menschen, schlechte Luft. Ich will einfach nur noch weg. Ich summe Melodien in meinem Kopf, sage Baladen auswendig auf, nur damit meine Konzentration nicht nachlässt. Denn dann würde ich wahrnehmen wie sehr mich das hier alles überfordert. Ich kaue mir vor Anspannung auf der Wangenschleimhaut herum bis mir droht das Blut aus den Mundwinkeln zu laufen. Ich merke es nicht einmal. Und dann sehe ich in die strahlenden Augen meines Kindes und weiß wieder, warum ich mir das antue.

Zu Hause klappe ich regelrecht zusammen nach solchen Ausflügen. Ich habe alle Kräfte mobilisiert. Nichts ist mehr übrig.

Ich schäme mich sehr dafür nicht einfach Spaß haben zu können mit meinem Kind. Immer nur Stress, Überforderung und der Wunsch sich in Luft aufzulösen. Das tut mir wahnsinnig leid. Ich wäre gerne so viel besser aber ich bin es nicht.

Seelenhund

Als wir Ludwig im Februar in unsere Familie holten, war der Start mit ihm holprig. Er hatte eine recht niedrige Frustrationstoleranz, regte sich schnell auf und drehte hoch. Er wollte Fahrradfahrer jagen, war schreckhaft und bellte viel. Der Verlust seiner bisherigen Familie setzte ihm mehr zu als wir es vermutet hätten. Und letztlich stellten sich auch noch gesundheitliche Probleme heraus, die ihn dünnhäutig gemacht haben.

Ein Viertel Jahr später erkennt man ihn nicht wieder. Mit viel Geduld, Ruhe und einer stetig wachsenden Bindung entwickelte er sich zum Vorzeigehund. Auch seine gesundheitlichen Probleme, er hat zahlreiche Allergien, haben wir im Griff. So keimte der Gedanke an die Assistenzhundeausbildung in mir auf. Ich hätte es ihm zugetraut, absolut. Sonst hätte ich den Eignungstest nicht mit ihm gemacht.

Seinen Eignungstest hat Ludwig nur knapp bestanden. Es gab den ein oder anderen Wackler im Test. Nach Einschätzung der Assistenzhundetrainerin aber nichts, was man im Training nicht hätte verbessern können. Ich war erleichtert. Er hatte schließlich bestanden! Doch als nun nach dem Gesundheitscheck herauskam, dass er nicht nur Futtermittelallergien hat sondern auch zahlreiche Umweltallergien und Zeit seines Lebens symptomatisch behandelt werden muss, war es wieder ein Punkt der nicht so ganz zu passen schien. Ich fing an meine Entscheidung zu hinterfragen und kam zu dem Schluss, dass ich Ludwig mit der Ausbildung keinen Gefallen tue und ihn wohl überfordern würde. Er ist ein fantastischer Familienhund, der mir allein dadurch schon sehr hilft. Aber er genießt es auch seine Ruhe zu haben. Ich habe die Entscheidung gegen die Ausbildung in seinem Sinne getroffen. Er ist meiner Familie und mir wahnsinnig ans Herz gewachsen und er hat ein Recht darauf, dass seine Interessen und Bedürfnisse ebenso berücksichtigt werden wie meine.

Im Nachgang hat sich heute auch nochmal die Assistenzhundetrainerin gemeldet und meine Einschätzung bestätigt. Sie hat ihre Eindrücke aus der Testung nochmal sacken lassen und gibt mir Recht. Ludwig ist eine Seele auf vier Pfoten und wird mir auch ohne Ausbildung zur Seite stehen. Da sind wir uns absolut sicher.

Leider geht es mir durch diese Entscheidung derzeit gar nicht gut. Denn ich fürchte, dass dies gleichbedeutend heisst, nie einen ausgebildeten Assistenzhund haben zu können. Und ich hatte mir so viel davon versprochen.

Der Tag danach

Erst jetzt, wo die Anspannung ob Ludwig wohl seinen Eignungstest bestehen wird abfällt, merke ich, wie sehr ich dadurch unter Stress stand. Doch die von mir erwartete Euphorie will sich einfach nicht einstellen. In meinem Kopf ist zu viel los, was nach Ordnung schreit. Klar, ich werde die Ausbildung zum Assistenzhund mit Ludwig machen. Aber gleichzeitig kommt die Angst mit diesem Schritt für jedermann sichtbar ein „Behinderter“ zu sein. Die Leute werden Fragen stellen und hier auf dem Dorf nimmt keiner ein Blatt vor den Mund. Es wird sich schneller als mir lieb ist rumsprechen, dass ich nicht mehr alle Latten am Zaun habe und deswegen den Ludwig ausbilde. Und sie werden nicht nur mich ansehen sondern natürlich auch meine Tochter. Ich habe bislang nie ein Geheimnis aus meinen Erkrankungen gemacht aber mit einem Schild vor mir hergetragen habe ich sie eben auch nicht.

Noch dazu kommt die Sorge der Finanzierung. Ich habe Anträge gestellt, Stiftungen angeschrieben und um Spenden gebeten. In meiner Verzweiflung habe ich sogar Martin Rütter bzw. das dazugehörige Mina Entertainment angeschrieben. In einem Telefonat wurde mir dann aber eröffnet man könne mir leider finanziell nicht helfen. Lediglich ein privater Spendenaufruf in den Besucherkommentaren auf Martin Rütters Facebookprofil wäre denkbar.

Ich bin ein Bittsteller. Das ist mir sehr unangenehm. Die Menschen, mit denen ich nicht klar komme und die ich am liebsten nur von hinten und weit weg sehe, bettle ich nun an. Das passt nicht zusammen. Ich bin innerlich zerrissen. Und eigentlich sollte ich mich doch freuen. Aber das will gerade nicht so klappen. Vielleicht in ein paar Tagen wenn sich alles ein bisschen gesetzt hat.

Stilleben: eingetütete Hundekacke auf Rasen

Der Eid des Hippokrates – oder, wie rette ich als Arzt meinen Arsch?

Wir schreiben das Jahr 2010. Seit einigen Wochen befinde ich mich mit Depressionen in Behandlung bei einem niedergelassenen Psychiater, der mir Amitriptylin zur Stabilisierung verschreibt. Ich gehe regelmäßig zu Kontrollterminen und berichte zunehmend über Verschlechterung meines Zustandes.

Im März 2010, löse ich 60 Tabletten Amitriptylin aus dem Blister und nehme 6 Gramm in suizidaler Absicht ein.

Nach meiner Rettung und dem Krankenhausaufenthalt stelle ich mich erneut zur Weiterbehandlung bei meinem Psychiater vor. Es ist nur wenige Tage nach meinem Selbstmordversuch und ich bin entsprechend labil. Die erste Frage meines Psychiaters ist, wie ich versucht hätte mich umzubringen. Ich antworte wahrheitsgetreu. Seine Reaktion möchte ich hier niemandem vorenthalten.

Gedächtnisprotokoll:

„Dann haben wir zwei jetzt ein Problem. Ich kann Sie unter diesen Umständen nicht weiter behandeln. Schließlich haben Sie die Tabletten von mir. Stellen Sie sich mal vor Ihr Versuch hätte geklappt! Dann hätte ich jetzt die Staatsanwaltschaft am Arsch weil ich Ihnen eine Großpackung verschrieben habe obwohl doch offensichtlich war, dass Sie suizidal waren!“

Ich wurde daraufhin der Praxis verwiesen.

Glücklicherweise war ich an diesem Tag nicht allein sondern wurde begleitet durch meinen Vater. Sonst wäre ich wohl vor das nächstbeste Auto gerannt.

Der Psychiater von damals praktiziert heute meines Wissens nicht mehr:

Dr. med Eckhard Breitschuh

Ich war damals nicht in der Lage mich zu wehren oder mich für mich selbst einzusetzen. Heute bin ich es.

Blumen, Pralinen und dunkle Gedanken

Ich bin Mutter. Ein Umstand der in mir durchaus auch ambivalente Gefühle hervorruft. Meine Tochter ist mein größter Antrieb, meine Motivation über mich hinaus zu wachsen. Und gleichzeitig raubt sie mir jegliche Kraft.

Als ich mich mit meinem Mann vor Jahren entschieden habe Eltern zu werden, schwamm ich, wie ein Fettauge in der Suppe, oben auf. Nichts und niemand konnte mir etwas anhaben. Ich war verliebt, frisch verheiratet und hatte gerade meine mehrjährige Psychotherapie beendet. Alles schien möglich.

Ich kann nicht sagen, dass ich meine Entscheidung von damals bereue. Denn das würde bedeuten, dass ich mein Kind bereue. Wie könnte ich! Doch würde ich mit dem heutigen Wissen, diese Entscheidung so nicht mehr treffen. Meine psychischen Erkrankungen beeinträchtigen mich dauerhaft mehr, als ich es mir damals erhofft hatte. Ich sage immer, ich bin eine gute Mutter so lange mein Kind nicht zu Hause ist (Kindergarten, Vereine etc.).

Für diese Gefühle schäme ich mich zutiefst. Denn ich habe eine wundervolle Tochter. Und doch zweifle ich dem allen gewachsen zu sein.

Meine Seele starb vor langer Zeit,
das Rot tropft von mir nieder.
Jetzt ist es also nicht mehr weit,
Schwäche erfasst meine Glieder.

Das Dunkel hüllt mich langsam ein,
es verschwindet alles Leid.
So schön kann also Leben sein
am Ende meiner Zeit.

Der Raum erhellt von sanftem Licht
es ist soweit, ich darf nun gehen.
Das erste Lächeln auf meinem Gesicht.
Ich durfte es nicht mehr sehen.
Gedicht aus dem Jahre 2010, nur wenige Tage vor meinem Suizidversuch. Heute distanziere ich mich eindeutig von diesem Vorhaben.